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Für die Woche ab dem 2. Sonntag nach Trinitatis, 13.6.2021: Plädoyer für ein verständliches und tolerantes Christentum

Liebe Leserin, lieber Leser,
der Predigttext, der für diesen Sonntag vorgesehen war, ist, zugegeben, recht lang. Paulus beleuchtet umfänglich eine Sache, die ihm sehr am Herzen liegt: die christliche Liebe und wie sie am besten weitergegeben wird.
Dass das keine „altmodische“, sondern eine zeitlose und sogar aktuelle Angelegenheit ist, dürfte Ihnen beim Lesen deutlich werden.

Neugier und ein paar Aha-Erlebnisse wünscht Ihnen Pfarrerin Susanna Arnold-Geißendörfer


„Strebt nach Liebe! Bemüht euch ruhig um eine intime Verbindung zu Gott, bemüht euch aber vor allem darum, dass ihr euch verständlich macht! Denn wer verzückt lallt, der spricht ja nicht zu anderen Menschen, sondern mit Gott, und das nur, wie er ihn bei sich fühlt. Niemand anders könnte das verstehen; es wäre, als habe man mit Gott ein intimes Geheimnis. Wer dagegen verständlich redet, der macht sich auch anderen verständlich und baut sie dadurch auf, appelliert gegebenenfalls an ihr Gewissen und tröstet sie vor allem. Wer verzückt lallt, ist nur auf sich selbst bedacht; wer aber verständlich redet, der baut andere Menschen innerlich auf…

Ihr Mitchristinnen und Mirtchristen, wie fühlte es sich denn für euch an, wenn ich zu euch käme und würde verzückt lallen? Was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit Worten zu euch spräche von Gott und wie Gott sich in Christus gezeigt hat? Oder wenn ich euch nicht unsere Prophetie näherbringen würde und die Lehre, die wir daraus ziehen können für unser Leben?

Es ist im Grunde wie bei einem Musikinstrument, sei es eine Flöte oder eine Harfe: Wenn sie nicht unterschiedliche Töne von sich gäben, wie könnte man erkennen, was auf der Flöte oder was auf der Harfe gespielt wird? … Nicht anders ist es bei euch: Wenn ihr verzückt lallt und nicht mit deutlichen Worten sprecht, wie kann man da wissen, was gemeint ist? Ihr würdet in den Wind reden.

 

Betrachten wir es nochmal von einer anderen Seite: Es gibt viele Sprachen in der Welt, und nichts geht ohne Sprache. Wenn ich nun die Bedeutung der gesprochenen Worte nicht kenne, bleibe ich ein Fremder für den, der redet; und der, der redet, bleibt für mich ein Fremder.

Das kann man mit eurer Situation vergleichen: Da ihr doch bemüht seid, eine enge Verbindung mit Gott zu haben, so seht auch zu, sie mit Hilfe verständlicher Worte zu pflegen und sie an andere weiterzugeben, damit sie dadurch innerlich aufgebaut werden.“ (Aus 1. Korinther 14, 1-12)

 

In dieser Auslassung im Brief des Apostels Paulus an die christliche Gemeinde von Korinth geht es um Verständlichkeit. Dahinter steht die Frage: Was nützt eine Gottesbeziehung, wenn sie unverständlich bleibt für andere, die vielleicht auch daran teilhaben wollen? Ist sie ohne den Versuch der Vermittlung nicht eine recht egoistische Angelegenheit? Wir könnten noch zugespitzter fragen: Was nützt überhaupt eine Religion, wenn sie nicht nachvollziehbar ausgeübt wird, wenn nicht verständlich gesprochen, gelegentlich ans Gewissen appelliert und getröstet wird?

 

Paulus nimmt, anders als z.B. im Römerbrief, hier nicht Bezug auf bestimmte christliche Inhalte, diese setzt er voraus. Er nimmt die Methode in den Blick, mit der Inhalte an die Leute gebracht werden sollen. Er spricht zur längst zum Christentum konvertierten korinthischen Gemeinde, im Fokus aber hat er eine bestimmte Gruppe in ihr: die so genannten Schwärmer. Schwärmer sind Leute, die meinen, besondere Gottesoffenbarungen zu empfangen und sich dann irgendwie geisterfüllt-ekstatisch aufführen. Paulus hält das Phänomen, mit dem sie sich gebärden, für nicht-verallgemeinerbar, für wenig einladend und darum im Grunde für lieblos. Deswegen sein Anfangsappell „Strebt nach Liebe!“ Und fordert eindringlich: Macht euch gefälligst verständlich!

 

In den freikirchlichen Gemeinden von heute gibt es dieses Phänomen angeblich auch: dass sich Menschen ergriffen fühlen, überschwänglich werden oder unverständliche Dinge von sich geben. Dadurch entsteht, ob beabsichtigt oder nicht, eine Glaubens-Arroganz: Ich besitze etwas, was du nicht besitzt, mir schenkt Gott eine besondere Eingebung, dir nicht. Die Folge: Sie wollen alle so sein, denn alle wollen das Gefühl haben, von Gott ausersehen zu sein. Die zweite Folge: Die nicht so sind oder es nicht schaffen, so zu sein, betrachten sich oder werden von den anderen betrachtet als Christen zweiter Klasse.

 

Ich persönlich kann mir diese Art Ekstase überhaupt nicht vorstellen. Ich finde das auch nicht anziehend, eher peinlich. Doch ein abschließendes Urteil möchte ich mir nicht anmaßen, denn ich verstehe es einfach nicht. Es gibt ja auch Wünschelrutengänger und andere besondere Fähigkeiten bei Menschen, wie sie nicht alle zu haben scheinen. Paulus glaubte im Übrigen auch, eine ekstatische Ader in sich zu haben. Aber er prahlte nicht damit, weil besondere unerklärliche Fähigkeiten oder Eigenschaften der christlichen Botschaft einfach nicht weiterhelfen. Und diese lautet: Gott hat uns in Christus ein Beispiel gegeben, ein Beispiel, wie wir gewissenhaft und getröstet leben können.

 

Trotz tiefer Überzeugung für seine Botschaft und seinem Appell an die Liebe bleibt Paulus also pragmatisch. Denn auch in Sachen Liebe kann man pragmatisch sein. Man muss ihr nur ihre emotionale Exklusivität nehmen. Emotional aufgeladen und exklusiv ist die christliche Liebe nämlich nicht. Und darum auch kein großer Gefühlsausbruch. Liebe ist ein im Christentum gebräuchlicher Ausdruck für etwas, was man heute wohl eher mit Achtung bezeichnen würde.

 

Christliche Liebe ist Synonym für die Achtung der Würde des Menschen, Synonym für die Achtung vor dem Leben insgesamt, was durch den berühmten Theologen und Mediziner Albert Schweitzer zu einem weitreichenden und selbstkritischen Impuls geworden ist, nachdem er die „Ehrfurcht vor dem Leben“ eingefordert hat. Ja, die christliche Liebe wird zum Synonym für die Achtung der Welt, in der wir leben und wie wir sie vorfinden. Selbst wenn wir die Welt verändern – und das tun Menschen, seit sie auf der Erde herumspazieren und sogar den Weltraum erforschen –, ist sie achtenswert. Ohne die Welt gäbe es auch uns nicht.

 

Folglich muss das Mittel der Liebe eine verständliche Sprache sein. Nicht zuletzt seine Missionsreisen haben Paulus gelehrt, fremde Sprachen zu sprechen und sich verständlich zu machen in seinen Ansichten und Gefühlen. Verständlich miteinander reden ist dazu noch ein Werkzeug des Friedens. Wo miteinander gesprochen wird, da braucht es keine Waffen.

 

Christliche Liebe konkretisiert sich übrigens auch in unserem ganz persönlichen Umfeld: als Dankbarkeit für den Morgen, an dem ich halbwegs gesund aufstehen kann; als Freude über für die Menschen, die mit mir mein Leben teilen; nicht zuletzt als Trost, eine aussichtslose Situation mit Gottes und lieber Menschen Hilfe aushalten zu können. Sie werden Ihre Beispiele innerlich hinzufügen.

 

Reden wir also verständlich – im Geist der Liebe, um Menschen aufzubauen, um immer wieder auch unser Gewissen zu prüfen, wie gerecht wir ihm werden, diesem Geist, und nicht zuletzt, um zu trösten. Denn Trost ist angesichts der vielen Dinge, die wir leider nicht beeinflussen können, wohl einer der wichtigsten Aspekte einer Religion der Liebe.

 

 

 

 

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Zu Christi Himmelfahrt, 13.05.2021 - PDF zum Runterladen

Zum Sonntag Jubilate, 25.4.2021 - PDF zum Runterladen

Zum Sonntag Miserikordias Domini, 18.4.2021 - PDF zum Runterladen

Zu Ostern, 4.4.2021 - PDF zum Runterladen 

Zum Karfreitag, 2.4.2021 - PDF zum Runterladen

Zum Palmsonntag 28.3.2021 - PDF zum Runterladen (330,1 KB)

Zum Sonntag Judika 21.3.2021 - PDF zum Runterladen (648,2 KB)

Zum Sonntag Okuli 7.3.2021 - PDF zum Runterladen (559,3 KB)

Zum Sonntag Reminiscere 28.2.2021 - PDF zum Runterladen (445,5 KB)

Zum Sonntag Invokavit 21.2.2021 - PDF zum Runterladen (96,2 KB)

Zum Sonntag Esthomihi 14.2.2021 - PDF zum Runterladen (113,6 KB)

Zum Sonntag Sexagesimae 7.2.2021 - PDF zum Runterladen (659,3 KB)

Zum letzten Sonntag nach Epiphanias 31.1.2021 - PDF zum Runterladen (160,3 KB)

Zum 3. Sonntag nach Epiphanias 24.1.2021 - PDF zum Runterladen (133 KB)

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Zum Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr 08.11.2020 - PDF zum Runterladen (110,3 KB)

Zum Reformationstag 31.10.2020 - PDF zum Runterladen (157,7 KB)

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Zum 8. Sonntag nach Trinitatis, 2.8.2020

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Zum 6. Sonntag nach Trinitatis, 19.7.2020 - PDF zum Runterladen (159 KB)

Zum 5. Sonntag nach Trinitatis, 12.7.2020 - PDF zum Runterladen (191,9 KB)

Zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 5.7.2020 - PDF zum Runterladen (117,9 KB)

Zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 28.6.2020 - PDF zum Runterladen (154,7 KB)

Zum 2. Sonntag nach Trinitatis, 21.6.2020 - PDF zum Runterladen (189 KB)

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Zu Pfingsten, 31.5.2020 - PDF zum Runterladen (176,8 KB)

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Kurz bemerkt
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